„Zieht euch warm an“, hatten wir die Mütter Tage vorher telefonisch gewarnt. Und in der Tat, es ist kalt, doch es regnet wenigstens nicht und Wind aus Nordwest ist für das Steinhuder Meer ziemlich ungewöhnlich; den hatten wir noch nie. Schnell sind die Mütter platziert, die Segel oben und vom Achterpfahl weg müssen wir gleich halsen, damit wir mit Raumschot-kurs zwischen den Stegen raussegeln können. Und da wir wenig Platz haben wird das ein spannendes Manöver. „Klar zur Halse!“ „Ist klar“. Die back gestellte Fock drückt das Heck in den Wind, aber wo ist die Großschot??? Meine Güte, die habe ich vergessen, die ist gar nicht angeschlagen! Doch der Skipper bleibt ganz ruhig, nimmt den Großbaum mit der Hand, fährt eine saubere Halse, „hol’ über die Fock“ und dann hängen wir wieder am selben Achterpfahl. Wie peinlich, hoffentlich hat das niemand gesehen.

Dann sind wir draußen. „Wohin soll’s denn gehen?“, fragen wir. „Na zum Wilhemstein“, sagt die eine, „nein, nach Steinhude“, die andere Mutter. Die in Konfliktmoderation ausgebildete Schiffsleitung verkündet zweistimmig, „…nach Steinhude, letztes Jahr waren wir auf dem Wilhemstein, dieses Jahr gibt es ein neues Ziel“. Mit dieser Entscheidung sind alle einverstanden, aber vor der Sahnetorte wird erst einmal gesegelt ... und gefroren. Hannelore hat sich wie für eine Bustour mit ihrem Heimatverein verkleidet und braucht meine dicke Fleecejacke. Dann passieren wir den Wilhemstein und auf Vorwindurs fühlt es sich endlich wärmer an.

Weil beide Mütter immer wieder gern bei Günther Jauch „Wer wird Millionär?“ gucken, haben wir für sie eine ganz besondere Rätselaufgabe vorbereitet: „Was glaubt ihr, wohin segeln Sabine und Ralf am 9. August?“ „Komische Frage“, spötteln beide, doch dann tasten sie sich langsam ran, „... in die Nordsee? Ostsee?“ „Nein, ganz falsch“. „Na dann bleibt ja nur noch das Mittelmeer…“? „Kalt, ganz kalt“, antworten wir, „…wir meinen das auch nicht geographisch sondern eher im übertragenen Sinne...“

Darauf hin breitet sich noch mehr Ratlosigkeit aus, etwa so wie sich die Wasserpflanzen, die wir gerade passieren, auch immer mehr ausbreiten. Dann der entscheidende Tipp: „Wohin könnten wir denn nach 20 Jahren Beziehung noch segeln?“ Und dann ist es endlich raus, „...na klar, in den Hafen der Ehe!!!“ „Was für eine Überraschung“, freuen sich beide Mütter.

Wir halten auf Steinhude zu. Am Gastliegersteg liegen vier oder fünf Boote und wir müssen für den Aufschießer vom Vorwindkurs in den Wind gehen – fast 180 Grad und dann “schräg zum Steg“ in die Parklücke. Dabei kommt erstmals der neue Kugelfender zum Einsatz. Dann sind wir fest. Neben uns liegt die rote Neptun 22 „unserer“ Segelschule und die beiden Seglerschüler wollen gerade ablegen. Wir bestellen schöne Grüße an Lena, Hans und Dirk und dann dreht die back gestellte Fock die gecharterte Neptun über den falschen Bug. Die noch lernenden Jungs merken das aber gar nicht und irgendwie rutschen sie doch aus dem „Hafen“. Bei viel mehr Wind hatten wir letztes Jahr mit demselben missglückten Ablegemanöver beinahe ein anderes Boot versenkt, aber inzwischen trägt das Lehrgeld Früchte und nun spendiert die Schiffsführung der Crew den wohlverdienten Kuchen in den Strandterrassen von Steinhude.

Auf dem Wasser wird inzwischen der Fischerkreidag nachgeholt, den das Verkehrsbüro wegen der starken Regenfälle kurzerhand von Samstag auf den heutigen Sonntag verschoben hat. Immer mehr der typischen Torfkähne formieren sich zu einer Regatta.

Übrigens, Torfkähne...

gibt es auf dem Steinhuder Meer schon seit ca. 8000 Jahren, aber befahrbare Wege im Uferbereich erst in jüngster Zeit. Also erfolgte der Transport der Torfe (als Brennmaterial), von Schilf, Heu, Sand, Holz, Steinen, Vieh und sogar von Ausflüglern mit dem Torfkahn.

Für den Torfkahn nicht gibt es keine Baupläne. Der Bootsbau folgt seiner langen Tradition und der hier ansässige Zimmermann verwendet dafür bestes Eichenholz. Der Torfkahn ist das Boot der Fischer. Es wird nicht gerudert oder gepaddelt sondern gestakt, gesegelt und manchmal hilft auch der Außenbordmotor. Gesteuert wird der schwarz geteerte und ca. 10 m lange Kahn über ein Seitenruder, das sogenannte Firrer.

Das der Kahn nicht nur Steinhuder Meer tauglich ist, wurde 1982 mit drei Torfkähnen nachgewiesen. Die Boote fuhren von Nienburg die Weser abwärts ins deutsche Schifffahrts-museum nach Bremerhaven. Andere Exkursionen, z.B. nach Berlin folgten. Alljährlich segeln die Fischer am Fischerkreidag mit ihren Torfkähnen vor Steinhude ihre Regatta.

Auf dem (Lauf)Steg holen wir jetzt die im letzten Jahr vergessenen Fotos nach, denn da lag kein Film in der Kamera! Sabine mit ihrer, Ralf mit seiner Mutter, alle mit „flexibel“ und dann geht unsere Reise weiter. Beim Ablegen ist Ralf noch der Skipper, danach übernimmt Sabine die Pinne. Die segelnden Torfkähne sind wieder im Hafen und wir passieren die Ba-deinsel mit Kurs Postboje. Wieder nagt die Kälte insbesondere an Hannelore, der wir jetzt nur noch mit unserer Decke helfen können. Für die Postboje soll nun spontan eine Karte oder irgendein Zettel als Ansichtskarte gefunden werden, Sabine könnte eine Briefmarke sponsoren, aber von meinem Logbuch gebe ich keinen Schnipsel her, so geht die Post eben nicht ab!

Inzwischen steuert Sabine nach Kompass. Das braucht man auf dem Steinhuder Meer wirklich nicht, aber wir wollen für „später“ üben, später wenn mal kein Land mehr in Sicht sein wird. Von der Postboje an müssen wir kreuzen. Nun treibt der Wind wieder die Kälte durch Decke, Jacken, Pullover und Blusen. „Wann sind wir endlich zurück, wieso fährst Du nicht einfach dahin?“, deutet Selma Richtung Nordufer. „Ja warum denn nicht? Stattdessen kreuzen wir hin und her, sind manchmal fast am Wilhemstein und dann wieder an der Moorhütte“, spitze ich die Frage zu. Nein, wir zeigen Selma, dass es gegen den Wind einfach nicht geht. „Siehst du, wenn wir so wie jetzt direkt gegen den Wind steuern „flattern“ die Segel und wir machen gar keine Fahrt mehr“,“... ach so ist das“, signalisiert Selma Verständnis für Aerodynamik und Kräfteparallelogramme. „So ist das“.

Inzwischen traut sich manchmal die Sonne hervor, doch davon wird keiner Mutter mehr warm. Sabine hat ihr Vergnügen an Pinne und Kompass gefunden und ich träume ein wenig vor mich hin. Meine Gedanken treiben mich weit hinter dem Horizont einer fremden Küste zu, doch als Sabine zu unseren Müttern sagt, „... wenn wir erst einmal die Weltumsegelung machen“, bin ich hellwach. Das hat sie wirklich gesagt? Nein, das kann nicht sein, aber ich habe es doch gehört und hier steht es ja schwarz auf weiß, „... wenn wir erst einmal die Weltumsegelung machen“, na, dann liegt ja der richtige Kurs an.